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Die letzten Tage im Pensions-Paradies

Der Kollaps der Alterssicherung ist de facto beschlossene Sache, für sanfte Korrekturen ist es zu spät.

Die neuesten Bevölkerungsdaten zeigen den Pensionsschock pur: Der Kollaps der Alterssicherung ist de facto beschlossene Sache, für sanfte Korrekturen ist es zu spät. Nur die Politik bleibt unbeirrt fröhlich.

 

Wer jetzt in Pension geht, kann diese noch genießen. Zukünftigen Generationen bleibt dieser Luxus verwährt

Am 8. Juli kommt es in Wien zu einer Sensation: Ein 71-jähriger Mann wird feierlich geloben, noch weitere sechs Jahre im Berufsleben zu bleiben. Der Mann heißt Heinz Fischer und will als Bundespräsident arbeiten bis 77. Ein unerhörter Vorgang in einem Land, das seine jungen Alten im Durchschnitt fast 20 Jahre früher in den bezahlten Ruhestand entlässt.

In Wahrheit können wir uns diesen Luxus schon lange nicht mehr leisten. Die jüngsten Bevölkerungsdaten - vor wenigen Tagen von der Statistik Austria präsentiert - zeigen die seit Jahren bekannten Lücken der Alterssicherung in ungeahnter Brutalität. Schon heute sind jede zweite Beamtenpension und jede vierte ASVG-Pension nicht durch Beiträge gedeckt. Im Schnitt stammen somit 30 Prozent aller Rentenleistungen aus Steuergeld. Der Bundeszuschuss für Pensionen betrug 2008 noch 2,6 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es schon 3,6 Milliarden, heuer könnten es nach einer Vorschau der Pensionsversicherungsanstalt 4,6 Milliarden sein. Da ein Rechtsanspruch auf Pension besteht, schlummern hier enorme verdeckte Staatsschulden für die künftigen Generationen.

Krise bringt erste Dämpfer

Das ist schlimm, aber noch lange nicht so schlimm wie das, was in Bälde auf uns zukommt. Denn die geburtenstärksten Jahrgänge (geboren zwischen 1960 und 1968) stehen derzeit großteils noch in Lohn und Brot. Die Einnahmen aus Pensionsbeiträgen sprudeln also noch ziemlich stark, obwohl die Wirtschaftskrise im Vorjahr für erste Dämpfer sorgte. Ab 2012 beginnt die wahre Krise, wenn diese starken Altersgruppen schrittweise als Beitragszahler ausfallen, dafür aber als Pensionisten versorgt werden müssen.

"Bis 2018 kann man sich noch drüberretten, indem man wirklich alle Tricks bis zum Anschlag ausnützt", warnt Sozialexperte Bernd Marin. Gemeint ist mit "Tricks", dass beispielsweise junge Mütter sofort nach der Entbindung wieder arbeiten gehen und eine starke Zuwanderung von vermittelbaren Arbeitskräften herrscht.

Wirklich unbeherrschbar wird die Dynamik aber durch die rasch steigende Lebenserwartung. Pro Jahr steigt sie um rund 100 Tage. Das ist wunderbar und großartig, hat aber seinen Preis: 240 Millionen Euro müssen allein für diesen Alterungszuwachs alljährlich berappt werden. "Das könnte man wegarbeiten, indem man jährlich das Pensionsalter um eine geringe Zeitspanne erhöht", sagt Marin. Eine solche Automatik in der Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters müsste den Menschen doch erklärbar sein, glaubt der Forscher: "Ich wüsste nicht, was daran so grauslich oder unmenschlich sein soll, wenn wir uns darauf einigen, statistisch nicht länger als 25 Jahre in Pension zu sein."

Das Lavieren der Politik

Die Politik scheint sich mit solchen Gedanken jedoch nur sehr zögerlich anzufreunden. Sozialminister Rudolf Hundstorfer sagt zur Kleinen Zeitung: "Die Menschen werden länger in Erwerbstätigkeit bleiben müssen. Das wird so sein." Allerdings schränkt er sofort ein: Die Frage des "Wie" sei noch völlig offen.

Einer der wenigen Mahner ist Finanzstaatssekretär Reinhold Lopatka, der darauf drängt, wenigstens Zusatz-Zuckerln zu beseitigen. Denn jeder einzelne Hackler-Pensionist, der abschlagsfrei früher in Pension geht, verursacht Zusatzkosten so teuer wie ein Einfamilienhaus.

Als der Obmann der Pensionsversicherungsanstalt, Karl Haas, zart die Frage anklingen ließ, ob man nicht die Pensionserhöhung an die Entwicklung des Beitragsaufkommens koppeln sollte, fielen ihm sofort die Pensionistenvertreter Andreas Khol und Karl Blecha in den Arm: Diese Debatte stelle "die Grundlagen des Pensionssystems infrage".

Damit verkennen die Senioren-Lobbyisten, dass die Grundlagen des Systems sowieso längst wanken. Die heurige Pensionserhöhung (plus 1,5 Prozent) kostet 380 Millionen Euro, während die Beiträge der Arbeitnehmer nur um 250 Millionen steigen. Von 2012 bis 2035 wird sich aber die Alterslastquote verdoppeln: Auf einen Erwerbstätigen kommt dann ein ganzer Pensionist statt derzeit nur ein halber.

Sünden der Vergangenheit

"Die zusätzlichen Lasten aus Pflege, Krankheit und Pension kosten ab sofort jedes Jahr so viel wie das Bankenrettungspaket im Vorjahr", sagt Marin ungerührt. Da rächt es sich, dass wir unser System bisher nur marginal reformiert haben, obwohl wir eine lange "Gunstlage" hatten. Denn unter anderem wegen der Zuwanderung ist die Bevölkerung seit 1980 kaum gealtert. Erst jetzt beginnen starke Anstiege, die sich ab 2035 wieder verflachen.

Wie eine echte Pensionsreform aussehen kann, haben die Schweden vorexerziert. Durch kräftige Zu- und Abschläge hat man es dort geschafft, dass 70 Prozent der 55- bis 64-Jährigen noch arbeiten. Bei uns sind es nur 39 Prozent. Könnten wir das schwedische Modell kopieren, dann wäre unsere Alterssicherung um fünf Milliarden Euro billiger, rechnet Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl vor.

Der nächste Tag der Wahrheit kommt Mitte Juni. Der Managementclub wird eine von Marin verfasste Pensionsstudie präsentieren. Das brisante Dossier enthält ungeschminkte Zahlen. Doch es wäre ein Wunder, ließe sich die Politik aus ihrem gemütlichen Ruhestand reißen.

Kleine Zeitung

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